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Der etwas andere Einsatzbericht - Teil 4 von 5

30.09.2018

 

Vor gut vier Wochen konnte vom Waldbrand bei Frohnsdorf, einer der größten in der Geschichte Brandenburgs, „Feuer aus“ gemeldet werden. 9 Tage Dauereinsatz, ca. 400 Hektar verbrannte Fläche, drei evakuierte Ortschaften und rund 5000 eingesetzte Einsatzkräfte verschiedener Hilfsorganisationen. Von der ersten bis zur letzten Minute mit dabei, die ehrenamtlichen Kameradinnen und Kameraden unserer Ortsfeuerwehr.

 

Wie haben diese die Tage im Wald erlebt? Was sind ihre Eindrücke? Wir stellen einige Feuerwehrfrauen und -männer mit ihren ganz persönlichen Erlebnissen vor … der etwas andere Einsatzbericht. Heute Teil 4 von 5.

 

Name: Alexander Spitzner

Alter: 34

Dienststellung: Gruppenführer

Familienstand: verheiratet, 2 Kinder

Beruf: Fachplaner im vorbeugenden Brandschutz

 

Heute ist der 23.08.2018, ich bin gerade mit meinem Chef auf dem Rückweg von einem Kundentermin als im Auto plötzlich der Pieper Alarm schlug. „Brand Wald, Frohnsdorf, Lindower Weg“ lautete die Alarmierung. Wir waren zu diesem Zeitpunkt kurz vor Treuenbrietzen, am Himmel war eine dicke Rauchwolke zu sehen. Ich setzte meinen Chef an der Firma ab und verabschiedete mich mit den Worten „ich muss los“ von ihm. Im Gerätehaus angekommen, die ersten Fahrzeuge waren bereits ausgerückt, spürte ich schon so eine merkwürdige Stimmung. Denn es hieß gleich „Wir haben keinen Kontakt zu unseren Fahrzeugen, das Krad muss mit raus!

 

Also los …

 

Als ich am Ort des Geschehens eintraf, war ich das dritte „Fahrzeug“ an der Einsatzstelle und der Brand hatte sich bereits auf einer riesigen Fläche ausgebreitet. Eine Einweisung der bereits auf Anfahrt nachgeforderten Fahrzeuge über Funk war mangels Empfangs überhaupt nicht möglich. Mein erster Auftrag war somit die ankommenden Fahrzeuge abzufangen und an die Einsatzstelle zu führen. Als nächstes ging es darum mir einen Überblick zu verschaffen, wie weit der Brand sich bereits ausgebreitet hatte.

 

Obwohl ich mit einem Motorrad unterwegs war und das Gebiet nur ca. 500 m x 300 m groß war, benötigte ich fast eine ganze Stunde für das Umfahren des ganzen Brandherdes. Das größte Problem war, dass überall Bäume über den Wegen lagen und ein Vorrankommen nur sehr schwer möglich war. Das ist aber ein Problem, welches wir in den vergangenen Jahren immer wieder festgestellt und angemerkt haben. Die mangelnde Waldpflege der letzten Jahre wurde hier sehr deutlich. Als ich im Anschluss wieder bei der Abschnittsleitung ankam, befand sich diese mitten in der s. g. „Chaosphase“, es bestand noch immer keine Funkverbindung zu den anderen Fahrzeugen. In meinen Augen war das in Anbetracht der ständig explodierenden Munition in der unmittelbaren Umgebung und der raschen Brandausbreitung, katastrophal und beängstigend.

 

Als ich das erste Mal aus dem Wald am Siedlerheim in Frohnsdorf vorbeikam, sah ich, dass der große Einsatzleitwagen des Landkreises bereits Stellung bezogen hat und die Einsatzleitung mit Hochdruck an der Bewältigung der Lage arbeitete. So wurde ich als mobiler Melder eingesetzt. Ich brachte Einsatzaufträge und Fahrzeuge zu den einzelnen Abschnitten, erkundete immer wieder die Lage und versorgte die Einsatzleitung mit Informationen. Auf Grund der schleppenden Informationsübermittlung in Hinblick auf die Lagefeststellungen und Befehlsgebung, breitete sich das Feuer immer weiter aus.

 

Einer meiner ersten Lagemeldungen lautete, wir müssen zur Vermeidung einer Ausbreitung unbedingt diesen einen Waldweg halten. Kurz danach hatte ich ungefähr 6 Tanklöschfahrzeuge hinter mir, die ich an diesen besagten Weg bringen wollte. Ich fuhr also den Weg hinein, stieg von meinem Motorrad ab, um die Fahrzeuge einweisen. Plötzlich stellte ich fest, dass aus dem normalen Waldbodenbrand ein Kronenbrand wurde und den Weg übersprang. Dieser Moment war in meinen Augen meine größte Niederlage während des gesamten Einsatzes, denn hier merkte man, dass bereits zu viel Zeit verstrichen war.

 

Ich dachte so bei mir, hol mal lieber dein Motorrad aus dem Wald, nach 50 m Sprint hatte ich mein Gefährt wieder und habe gemacht, dass ich aus dieser Hölle rauskomme, denn es wurde schon langsam warm am Hinterteil.

 

Ich glaube es war so gegen Abend, als zwei weitere Kradmelder eintrafen und wir endlich das Einsatzgebiet aufteilen konnten.

 

Ich war kurz darauf in Richtung Tiefenbrunnen unterwegs, an der Stelle, an der das Feuer die Bundesstraße übersprungen hatte. So ca. 100 m vor einer Kurve war die Straße vom Rauch völlig verdunkelt. Ich fuhr im Schritttempo weiter, da die Sicht unter 10 m war. Da ich nicht wusste wie weit der Brand schon fortgeschritten war, überlegte ich kurz umzudrehen, denn es war hier mehr als ungemütlich und mir war wirklich nicht wohl in meiner Haut. Ich beschloss weiter zu fahren. Es bot sich mir ein Bild der Verwüstung, denn alles was hier brennen konnte war bereits verbrannt. Die Leitpfosten am Straßenrand bestanden nur noch aus einem kleinen Haufen geschmolzenen Kunststoff. Von der Leitplanke lösten sich die Warnaufkleber, welche langsam auf der Straße weiter brannten. Hier standen Bäume mit einem Durchmesser von ca. 30 cm dessen Stämme brannten. Ich habe so etwas vorher noch nie gesehen.

 

Da sich das Feuer nun immer weiter Richtung Klausdorf ausbreitete, verlagerte sich auch der Schwerpunkt in diese Richtung. Mittlerweile war auch ein Hubschrauber der Bundespolizei eingetroffen und begann mit ersten Löschmaßnahmen. Es war bereits dunkel, als ich auf dem Weg von Klausdorf nach Tiefenbrunnen war und mir aus der Nacht heraus ein hell beleuchtetes Fahrzeug entgegenkam. Ich staunte nicht schlecht, denn es war eine große Kettenraupe. Das war ein völlig surreales Bild, was sich mir darstellte.

 

Gegen halb Drei in der Nacht fuhr ich dann zurück zur Wache nach Treuenbrietzen. Schnell noch meinen Arbeitgeber die Sachlage erklärt und dann ging es ab ins Bett.

 

Aufgrund der Tatsache, wie der letzte Tag abgelaufen war, nahm ich mir vor, am kommen Tag um 8.00 Uhr einsatzbereit zu sein. Als ich am Gerätehaus ankam, wurde dieses bereits von der Versorgungseinheit „in Beschlag genommen“. Was mich jedoch erstaunte war, dass sich auch zahlreiche Bürger unserer Stadt eingefunden hatten. Sie haben Essen und Getränke für uns Helfer zubereitet, welche als Spenden aus der Bevölkerung bereits eingetroffen waren. Ich muss sagen das war ein schönes und überwältigendes Gefühl.

 

Ich schwang mich auf mein Motorrad und startete in Richtung Einsatzleitung. Heute wurde ich für den Einsatzabschnitt 1 (Klausdorf) eingeteilt. Hier war bereits alles aufgebaut was für eine Brandbekämpfung erforderlich war. Aufgrund des unzureichenden Löschwassers, wurden große Wasserbehälter aufgebaut, welche durch Tankzüge mit jeweils bis zu 35 m³ Volumen immer wieder befüllt wurden. Es gab hier im Dorf kaum noch freie Fläche, der Hubschrauber, der seinen Landeplatz nur ca. 50 m hinter dem Ortsausgang hatte, pendelte zwischen der „Wassertankstelle“ am Dorfrand und der Brandstelle im Minutentakt. Ein normales Gespräch zwischen mir und der Abschnittsleitung war in Anbetracht der Geräuschkulisse fast unmöglich aber dennoch notwendig, mussten doch wichtige Entscheidungen getroffen werden.

 

Ich wurde schließlich zur Erkundung zu den drei weiteren Brandstellen in Richtung des Keilberges geschickt. Als ich nach mehreren Stunden zurück war, konnte ich zur Erleichterung der Abschnittsleitung mitteilen, dass wir uns um die drei weiteren Brandstellen vorerst nicht kümmern müssen. Hier waren bereits Einsatzkräfte der benachbarte Landkreis Teltow-Fläming mit Löscharbeiten beschäftigt.

 

Am Abend fuhr ich dann für eine kurze Pause nach Treuenbrietzen zurück. Auch wollte ich mich mal kurz zu Hause sehen lassen, schließlich machten sich meine Frau Antje und meine Kinder große Sorgen um ihren Ehemann bzw. Papa. Als ich meinen Kindern Florian und Marie schnell noch gute Nacht gesagt hatte, kam von meinem Sohn, einige Wochen zuvor erst eingeschult, ein Satz an dem ich heute noch zu knabbern habe. Er sagte zu mir, dass er fast seine ganzen Süßigkeiten aus seiner Zuckertüte zur Feuerwehr gebracht hatte und wir uns die schmecken lassen sollen. Ich musste auch im Laufe der Nacht immer wieder an diesen Satz denken.

 

Der letzte Einsatz war für mich dann um 2.30 Uhr. Hier wurde eine erneute Brandmeldung zwischen Bardenitz und Kemnitz gemeldet. Glücklicherweise handelte es sich hierbei um eine Falschmeldung.

 

Als ich am Samstagmorgen im Gerätehaus ankam, konnte ich erst nicht glauben was sich dort abspielte. Derweil wurden in der Fahrzeughalle Tische aufgestellt, auf denen die Spenden abgelegt wurden. Es kamen im Minutentakt wildfremde Menschen von nah und fern, um Getränke, Obst, Süßigkeiten und sogar fertige Suppen zu liefern. An einem Tisch standen 2 Kameraden unserer Wehr und zeigten mir belegte Brote, welche jeweils in eigenen kleinen Papiertütchen verpackt waren. Auf jeder einzelnen stand handschriftlich geschrieben „Danke“. Ich glaube jeder, der das las musste sich die ein oder andere Träne wegwischen.

 

Ein bisschen verärgert stellte ich auf meinen Touren durchs Einsatzgebiet fest, dass die Polizisten, welche die Straßen und Wege absicherten, stundenlang ohne wirkliche Verpflegung und ohne Stühle in der prallen Sonne standen und Ihren Dienst verrichteten. Wir legten schnell und unkompliziert fest, dass auch diese von der Verpflegung profitieren sollten. Und ich glaube, die Gesichter der Polizisten, die sich im Gerätehaus einfanden, sprachen Bände. Auch sie hatten eine solche Dankbarkeit noch nie erlebt.

 

Der Sonntag begann für mich etwas entspannter. Da ich mich so langsam in den Wäldern heimisch fühlte, durfte ich Brandenburgs Landesbranddirektor Heinz Rudolph mal die Einsatzschwerpunkte zeigen. Im Anschluss war ich wieder auf Erkundungstour bei Klausdorf unterwegs. Was sich mir hier bot, ist mit Worten eigentlich nicht wiederzugeben. Ich fuhr einen Weg entlang und soweit ich schauen konnte, war der Wald um mich herum, inklusive Weg schwarz. Ich war wohl einer der Ersten, der den Weg passierte. Man hörte keinen einzigen Vogel zwitschern, es war eine sehr bedrückende Stimmung, einfach unbeschreiblich.

 

Als man in den Folgetagen die Kräfte und Mittel an der Einsatzstelle immer weiter zurückfuhr und später die Einsatzleitung schließlich wieder an uns, als örtliche Feuerwehr, übergab, ging der Stress der eigenen Ortsfeuerwehren eigentlich erst richtig los. Wir fuhren eine ganze Woche lang im Schichtbetrieb, rund um die Uhr, mit drei Fahrzeugen, die Brandstellen ab, um Nachlöscharbeiten durchzuführen. Für den rückwärtigen Dienst im Gerätehaus, in der so genannten Technischen Einsatzleitung, wurde ebenso Personal gebraucht. Ich war ehrlich gesagt heilfroh, als es hieß, dass das Krad vorerst nicht mehr mit raus muss, denn ich konnte nach fast 1.000 im Wald gefahrenen Kilometern nicht mehr sitzen.

 

Das, was wir gemeinsam mit den Ortsfeuerwehren, insbesondere in der Zeit, wo wir wieder auf uns allein gestellt waren, geleistet haben, ging über die Belastungsgrenze eines jeden einzelnen Kameraden hinaus. Dieser Einsatz hat gezeigt, wie wichtig jede einsatzfähige Feuerwehr, wie wichtig jede einzelne Feuerwehrfrau und jeder einzelner Feuerwehrmann ist.

 

Fazit

 

Ich glaube, ich kann für alle sprechen, wenn ich sage, dass das wohl eine der größten Katastrophen in der Laufbahn vieler Kameraden gewesen ist. Es wurde uns wieder aufgezeigt, dass aus einem „kleinen unscheinbaren Waldbrand“ eine Großschadenslage werden kann, bei der am Ende ca. 5.500 Einsatzkräfte gebunden und drei Dörfer evakuiert werden mussten. Das sich eben dieser Einsatz über fast 2 Wochen zog, konnte keiner vorab auch nur erahnen.

 

Dieser Einsatz hat die Kameraden mehr zusammengeschweißt. Sogar einige neue Interessenten konnten wir durch den Großeinsatz dazu gewinnen. Und … vielen Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Treuenbrietzen wurde die Notwendigkeit einer gut ausgestatteten und aufgestellten Feuerwehr in diesen Tagen bewusst.

 

An dieser Stelle möchte ich mich auch bei meinem Arbeitgeber (BIG Behrens Ingenieurbüro GmbH) für das Verständnis der Notwendigkeit meiner Freistellung vom Arbeitsplatz bedanken. Dies ist in meinen Augen nicht selbstverständlich, hat uns aber wieder einmal mehr aufgezeigt wie wichtig es ist, dass es solche Arbeitgeber gibt.

 

Foto: Alexander Spitzner